Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti wird zugeschrieben, gesagt zu haben:
„Die Fähigkeit, zu beobachten, ohne zu bewerten, ist die höchste Form von menschlicher Intelligenz.“
Immer wenn mir dieses Zitat über den Weg läuft, frage ich mich, wie realistisch es tatsächlich ist, wertfrei zu beobachten (Stichwort: Confirmation Bias und all die anderen …) und ob dies nicht vielleicht einfach bedeuten kann, den inneren „Monkey“ links liegenzulassen, auf der eigenen (Yoga) Matte zu bleiben und die Klappe zu halten.
Aber ist es das wirklich? Also ‚meditativ beseelt‘ die Klappe zu halten?
Sollten wir nicht viel mehr in einen offenen Dialog (gerne mal bei Nicole Schmalfuß den Unterschied Dialog vs. Diskurs nachschauen) gehen, uns verbal ‚pogen‘ (Gitta Peyn folgen, wenn Du mehr über Pogofähigkeit, Realkonstruktivismus u.ä. erfahren willst)? … ich bin schon wieder 5 Schritte zu weit.
Denn vor jedem verbalen Moshpit kommt ja erst einmal: die Beobachtung – genau!
In der Systemtheorie und dem Konstruktivismus wird die zentrale Rolle der Beobachtung für unser Verständnis der Wirklichkeit stark betont. Niklas Luhmann führte das Konzept der „Beobachtung zweiter Ordnung“ ein.
(Eine kleine Randnotiz dazu findest Du am Ende des Artikels)
In aller ’social-media-like Kürze‘ aka Verkürzung: Bei der „Beobachtung zweiter Ordnung“ geht es darum, nicht nur die Welt zu beobachten, sondern auch die Art und Weise, wie wir und andere beobachten, zu reflektieren.
Im Alltag könnte dies bedeuten, dass Du Dir „bewusst wirst“, dass unsere Wahrnehmung der Realität durch unsere individuellen Erfahrungen, Vorurteile und den sozialen Kontext geprägt ist. Jede Beobachtung ist eine Konstruktion, die auf Unterscheidungen und Bezeichnungen beruht. Wenn wir beispielsweise eine Person als „freundlich“ bezeichnen, treffen wir implizit eine Unterscheidung zwischen freundlich und unfreundlich (siehe auch hier einen älteren Beitrag dazu: Die Kunst des Unterscheidens).
Die konstruktivistische Perspektive betont, dass wir die Welt nicht einfach nur (passiv) wahrnehmen, sondern konstruieren. Unsere Sinnesorgane, unser Gehirn verarbeiten Informationen auf eine Weise, die von unseren bisherigen Erfahrungen und Erwartungen beeinflusst wird. Immer wieder in die gleichen Furchen …
Im Alltag kann sich diese individuelle Konstruktion darin zeigen, dass verschiedene Menschen dieselbe Situation oft ganz unterschiedlich wahrnehmen und interpretieren.
Und wie war das nun mit der nicht bewertenden Beobachtung?
Die Idee der nicht bewertenden Beobachtung, wie sie von Krishnamurti angedeutet wird, findet sich (Surprise, Surprise) auch in konstruktivistischen und systemtheoretischen Ansätzen wieder. Nicht bewertend zu beobachten, bedeutet zunächst einmal wahrzunehmen, was ist, ohne sofort zu urteilen oder zu interpretieren.
Und Hand aufs Herzchen: In der Praxis, im Alltag ist eine völlig wertfreie Beobachtung kaum möglich, da unsere Wahrnehmung immer schon durch unsere Vorerfahrungen und kulturellen Prägungen (Confirmation Bias, ne?) beeinflusst ist. Der konstruktivistische Ansatz würde jedoch betonen, dass wir uns dieser Prägungen bewusst werden und versuchen können, sie zu reflektieren.
Eine Möglichkeit, sich einer nicht bewertenden Beobachtung anzunähern, besteht z.B. darin, sich auf konkrete, sinnlich wahrnehmbare Fakten zu konzentrieren und Interpretationen oder Verallgemeinerungen zunächst zurückzustellen. Das ist dann doch der Teil mit dem „Bleib auf Deiner Matte und lass den inneren Monkey zetern“.
Im Alltag könnte das bedeuten, statt zu sagen „Die Person ist mies gelaunt.“, eher zu beschreiben: „Er grüßt nicht zurück, wenn ich ihn strahlend begrüße“. Die systemische Perspektive würde zudem betonen, dass jede Beobachtung immer auch eine Selbstbeobachtung beinhaltet. Wir können nicht die „objektive Realität“ beobachten, sondern nur unsere eigene Konstruktion davon.
Und im Alltag?
Frage Dich zum Beispiel: „Was sagt meine Beobachtung über mich und meine Sichtweise aus?“
Letztendlich geht es bei der „Kunst des Beobachtens“ nicht darum, völlig wertfrei zu sein, sondern sich der eigenen Perspektive bewusst zu werden, offen für andere Sichtweisen zu bleiben und die Komplexität der Wirklichkeit anzuerkennen.
Und vielleicht führt schon allein das zu einem tieferen Verständnis für einander und ermöglicht wieder etwas mehr Dialog zwischen uns.
Und was nach dem Beobachten an Kommunikation, ja eher an „produktivem Missverstehen“ entsteht, dazu kommen wir dann im nächsten Beitrag.
Die Randnotiz:
Das Konzept der „Beobachtung zweiter Ordnung“ wurde von Niklas Luhmann in die Soziologie eingeführt. Es beschreibt die Beobachtung von Beobachtungen selbst und ist ein Schlüsselelement in Luhmanns soziologischer Systemtheorie. Dieses Konzept ermöglicht es, den „blinden Fleck“ einer Beobachtung sichtbar zu machen – also das, was aus einer bestimmten Perspektive nicht wahrgenommen wird. Luhmann charakterisiert den Übergang von der Beobachtung erster zur zweiten Ordnung als Wechsel vom „Was-Fragen“ zum „Wie-Fragen“. Dies fördert einen Distanzgewinn und eine neutralere Sichtweise auf das Beobachtete. Ähnliche Ideen wurden auch von anderen Denkern wie Heinz von Foerster in der Kybernetik entwickelt.